Die seltsamsten Redewendungen Europas: Wenn Franzosen Salat erzählen und Spanier Kürbisse verteilen.
Warum haben Franzosen Haare in den Händen? Weshalb wünschen Italiener dem Wolf den Tod? Und weshalb schmeisst man in Spanien mit Kürbissen um sich? Wer eine Fremdsprache lernt, begegnet manchmal den kuriosesten Ausdrücken. Eine kleine Reise durch einige der ungewöhnlichsten Redewendungen Europas.
Warum Redewendungen mehr als Worte sind.
Wer eine Fremdsprache lernt, kennt diesen Moment: Man versteht jedes einzelne Wort eines Satzes und hat trotzdem keine Ahnung, was das Gegenüber eigentlich sagen will. Besonders häufig passiert das bei Redewendungen. Denn wörtlich übersetzt ergeben sie manchmal gar keinen Sinn. Dass hinter Redewendungen weit mehr steckt als ihre sprachliche Bedeutung, zeigt auch die Forschung der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Piirainen. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschreibt sie Redewendungen als «carriers of cultures» – also als Träger von Kultur.
Kulinarisches aus Frankreich: Erzähl mir keinen Salat!
Raconter des salades – wörtlich übersetzt bedeutet diese französische Redewendung «Salate erzählen». Gemeint ist damit allerdings keine ausführliche Unterhaltung über Tomaten, Gurken und Vinaigrette. Wer raconte des salades, erzählt Unsinn, übertreibt oder tischt seinem Gegenüber eine wenig glaubwürdige Geschichte auf. Im Deutschen würden wir vermutlich sagen: «Erzähl mir keine Märchen!» Und Frankreich hat noch mehr sprachliche Kuriositäten zu bieten. Wer dort un poil dans la main – also «ein Haar in der Hand» – hat, sollte vielleicht nicht gleich zum Arzt gehen. Die Redewendung bezeichnet schlicht jemanden, der ausgesprochen faul ist. Das Bild dahinter: Wer seine Hände so wenig zum Arbeiten benutzt, dass darin sogar Haare wachsen können, muss wirklich nicht besonders fleissig sein.
Das animalische Italien: Viel Glück im Maul des Wolfes.
Vor einer wichtigen Prüfung wünschen wir uns gegenseitig viel Glück. Auch in Italien macht man das, nur klingt der Wunsch dort zunächst etwas bedrohlicher. In bocca al lupo! bedeutet wörtlich «In den Mund des Wolfes!» und wird verwendet, um jemandem Glück zu wünschen. Traditionell antwortet man darauf mit Crepi il lupo! – sinngemäss: «Möge der Wolf sterben.» Wer nach der bestandenen Prüfung zur Feier eine ausgedehnte Shoppingtour macht, könnte anschliessend eine weitere italienische Redewendung zu hören bekommen: avere le mani bucate. Wer «Löcher in den Händen» hat, lässt Geld offenbar so schnell verschwinden, als würde es direkt durch die Hände fallen.
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Flirten auf Spanisch: Was Spielsteine und Kürbisse damit zu tun haben.
In Spanien kann Flirten sprachlich ganz schön sportlich werden. Wer echar los tejos betreibt, wirft zwar nicht tatsächlich mit Spielsteinen um sich, flirtet aber, was das Zeug hält. Sinngemäss lässt sich die Redewendung etwa mit «jemanden anbaggern» übersetzen. Ob der Flirt erfolgreich ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Denn statt auf die Avancen einzugehen, kann das Gegenüber auch «Kürbisse geben»: dar calabazas bedeutet, jemanden abzuweisen oder ihm einen Korb zu geben – beispielsweise, wenn romantisches Interesse nicht erwidert wird. So kann eine spanische Romanze sprachlich ziemlich kurios verlaufen: Die einen werfen ihre tejos aus – und bekommen mit etwas Pech calabazas zurück.
Übles Wetter in England: Wenn Katzen und Hunde vom Himmel fallen.
It’s raining cats and dogs gehört vermutlich zu den bekanntesten englischen Redewendungen überhaupt. Keine Sorge: Auch in Grossbritannien fallen bei schlechtem Wetter normalerweise keine Haustiere vom Himmel. Die Redewendung bedeutet schlicht, dass es sehr stark regnet. Interessant ist dabei, dass selbst vermeintlich bekannte Redewendungen schnell für Missverständnisse sorgen können. Wer jedes Wort korrekt übersetzt, versteht noch lange nicht automatisch die Botschaft dahinter. Genau das macht Redewendungen so spannend: Ihre Bedeutung steckt nicht unbedingt in den einzelnen Wörtern, sondern in dem Bild, das eine Sprachgemeinschaft damit verbindet.
“Just like words, idioms are born and die out.”
Gareth Carrol, Linguist an der University of Birmingham
Und die deutsche Sprache? Die steckt ebenfalls voller Kuriositäten.
Bevor wir uns zu sehr über Salat, Kürbisse und Wölfe amüsieren, lohnt sich ein Blick auf unsere eigenen Redewendungen. Wir haben Tomaten auf den Augen, wenn wir etwas nicht sehen. Wir drücken jemandem die Daumen, wenn wir Glück wünschen. Bei Überraschungen fallen wir aus allen Wolken. Wenn wir etwas aufgeben, werfen wir die Flinte ins Korn. Und wenn wir besonders glücklich sind, schweben wir auf Wolke sieben. Für jemanden, der Deutsch als Fremdsprache hört, dürften diese Formulierungen mindestens genauso kurios klingen wie die französischen oder spanischen Beispiele für uns.
Warum Redewendungen beim Sprachenlernen so spannend sind.
Redewendungen zeigen, dass eine Sprache weit mehr ist als Vokabeln und Grammatik. In ihnen stecken Geschichte, Kultur, Humor und manchmal Bilder, deren Ursprung heute kaum noch jemand kennt. Gleichzeitig ist dieser Teil der Sprache ständig in Bewegung. «Just like words, idioms are born and die out», sagt der Linguist Gareth Carrol von der University of Birmingham – genau wie Wörter entstehen also auch neue Redewendungen, während andere mit der Zeit verschwinden. Und genau deshalb lohnt es sich, beim Lernen einer Sprache irgendwann über das Lehrbuch hinauszugehen. Wer typische Redewendungen versteht, versteht nicht nur besser, was Menschen sagen, sondern bekommt auch ein Gespür dafür, wie eine Sprache im Alltag tatsächlich verwendet wird.
Beim nächsten Gespräch auf Französisch sollte man sich deshalb nicht wundern, wenn plötzlich Salat aufgetischt wird. In Italien sollte man vor dem Wolf keine Angst haben. Und wer in Spanien einen Kürbis bekommt, weiss zumindest sprachlich sofort, woran er ist. Denn manchmal beginnt das eigentliche Verständnis einer Sprache genau dort, wo die wörtliche Übersetzung keinen Sinn mehr ergibt.